Tod Deines Todes(aus dem "Skirt Diary")

Un roman photo produit par AlmaSoror dans le cadre de VillaBar

Fotos : Lin Haas, Stephan Holz und Stjepan Sedlar

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Berlin

Die Kerle. Sie lehnten an der Wand, sitzend, stehend, rauchend. Das Gift wirkte noch nicht. Das Licht schien gelblich durch die Räume. Unverputzte Wände, Schatten, schattenhaftes Glück, weiße Räusche. Jemand spiegelte sich, jemand kam mit einer Flasche Alkohol aus einer Tür in den Gang, jemand hatte die Haare ins Gesicht fallen lassen. Eine Frau. Eine Frau mit einem Blick wie ein Kirchenfenster.
- Hey, wo ist dein Schatten?

Die Frau war nicht Lilas. Lilas saß vor dem Spiegel und richtete sich. Sie sah aus wie abfotografiert. Gleich reichte jemand eine Zigarette und näherte sich, eine Lady, so mysteriös wie ein kalter Blick durch einen Park. Rauchen kann so einfach sein. Die falsche Frau.
Später stand Lilas neben den anderen an der Theke und glotzte. Jemand hätte ihr sagen sollen, was gespielt wurde. Ich war ein Mann, ich konnte es trotzdem nicht tun, ich wusste es nicht. Ich wusste nicht einmal mehr, was mich hergeführt hatte. Warum ich in dieser Spelunke gelandet war. Weil Französinnen versprochen waren, weil ein vergangener Duftstoff lockte?

Wie oberflächlich ich war. Wie einfältig und durchschaubar. Depressionen zogen auf. Ich bestellte einen Drink und schlauchte irgendwo eine Zigarette. Die Musik machte weiter, leise und kriechend, Lilas starrte in die Mitte des Raums, in dem sich jemand an einem Ausdruckstanz versuchte. Die Geschäfte liefen zäh heute Nacht, ich blickte scheu zu Jason hinüber, der ebenfalls eine Flappe zog. Das Gift wirkte nicht. Der Alkohol war zu schüchtern.
Lass uns mit meinem Leben weitermachen, sagte Jason. Fortfahren. Sanftes Betrinken, sanftes Pinkeln. Das Wesentliche erledigen, dann gehen. Die Cocktails glühten aus, ein paar Irre kamen uns entgegen. Sahen alle scheiße aus.

Die Vorgeschichte lag im Dunkeln. Die Gäste sahen ausstaffiert aus, es herrschten dunkle Töne, in den Klamotten, in den Gesprächen, in der Musik. Die meisten waren jede Nacht hier, Jason und ich aber waren länger nicht mehr da gewesen, jetzt hatte uns vielleicht ein Instinkt geführt. Die Luft stand, das Gift wirkte nicht. Die Gäste, wir, die anderen, wurden älter. Lilas jedenfalls sah sehr gut aus. Sie hatte das alles organisiert (oder war es doch Edith gewesen?), dieses Geschäft, diese Spelunke, jetzt notierte sie etwas auf einem Bestellzettel. Ihre Telefonnummer, ein Satz, der ihr dazwischen geraten war, eine Anweisung für den Luden, eine Bestellung.

Die Spelunke, eine einfache Bar im Süden der Stadt, war wie abgeriegelt. Niemand kam mehr rein, niemand ging mehr hinaus. Die Außenwelt hatte aufgehört zu existieren.
Die Welt draußen fand hier nicht statt, hier bekam man keine Ahnung von weißen Büros, von Ablage und Korrespondenz, von Outbound Anrufen, von Besorgungen, Faxgeräten, E-Mails, selbst die Mobiltelefone schienen stumm geschaltet, nur gelegentlich schaltete sich ein Zwitschern in die daherlaufende Musik ein, ein Bellen, oder sonst ein Geräusch, das für einen Klingelton herhalten musste. Es gab jemanden, der das Geräusch einer Motorsäge benutzte.
Auch die Leichen aus dem Reiseteil waren vergessen, hier gab...

...es nur diese vier, fünf Stunden im Zwielicht der kleinen Bar im Süden der Stadt. Die zusammengeschossenen Opfer auf den Fotos, auf den Stühlen, der Freund, die Freundin, die Professionelle, ich hatte sie noch am Morgen in der Zeitung aufgeschlagen, geschluckt und mich mitschuldig gefühlt, obwohl ich nichts mit diesem Fall zu schaffen hatte. Eigentlich. Aber es war meine Zeitung, für sie war ich unterwegs. Wieder einmal wurde ich von niederen Instinkten geleitet und verstrickte mich in Zusammenhängen, die unübersichtlich schienen und am Ende in Blut badeten. Das Gift wirkte nicht.

...sagte Jason. Er trug ein vollständig gesäubertes Gesicht zur Schau. Glatt rasiert. Das Haar halblang. Eine eckige, fast mickrige Sonnenbrille auf der Nase. Er redete mit der Frau aus dem Gang, die sich jetzt an die Wand lehnte. Entspannt sah das nicht aus, aber was wusste ich schon. Ich suchte mit den Augen nach Lilas, vielleicht nach Edith, die spurlos verschwunden war, vielleicht nach Harriet oder Nathalie, aber das waren nur Gespensterspuren fremder Zeiten. Sie hatten nichts mit dem Hier und Jetzt zu tun.
Dann tauchte der Vamp auf. Das Vampire Girl. Geröteter Blick. Man erzählte sich, sie hätte sich in der achtzehnten Woche ihrer Schwangerschaft in die Liebe ihres Lebens

verliebt und das von einem Anderen stammende Kind dann abgetrieben, aber die Liebe ihres Lebens hatte sie ein halbes Jahr später unwiderruflich verlassen. Nun hatte sie diesen schwerfälligen Blick, diese nachlässige Körperhaltung, die Einstellung, es darauf ankommen zu lassen, die Hingabe ans weiße Pulver, an die kleine Gewalt, an die schmierigen Geschäfte, die hier abliefen.
Sie trug keine Unterwäsche.
Ich konnte sie über den Trumeau beobachten, sie hatte Tischtennisschläger dabei.
Mein Boulevardinteresse an ihren Brüsten war buchstäblich. Ich hatte einen Job zu erledigen.
Es gab also einen Grund, aber es gab immer einen Grund.
Ich empfand die Lust, ihr eine Nachricht zu stecken und sie bei der Masturbation zu beobachten. Da fiel mir Jason in den Rücken. Er lächelte schief.
Die Musik dröhnte. Die Clubs in diesem Teil der Stadt hatten auf Rock umgestellt, erzählte Jason, mit Rock verkaufe man eben mehr Alkohol als mit elektronischer Musik, denn die Pulver und Tabletten waren Privatgeschäfte, von denen die Clubbetreiber nicht profitieren konnten. Die Polizei unterstützte das.
Wie ein von Hochwasser umströmtes Verkehrsschild stand ein Mann im schwarzen Anzug auf der Tanzfläche und schenkte...

...Paartanzversuchen und Ausdrucksringern keine Beachtung. Der Plattenaufleger, sichtlich angetan von der unverhofften Begeisterungsfähigkeit in tiefer Nacht und genauso sichtlich betrunken, legte jetzt eine deutschsprachige Fassung eines fassungslos machenden Chansons auf. Eine weitere schöne junge Frau stellte ihre Handtasche ab; ungefähr an die Stelle, an der gerade noch das Verkehrsschild gestanden hatte. Jetzt warf sie ihre Beine durch den Raum.
Das Bier, der Wein, der Whiskey. Alkohol in Strömen, die Handtasche der jungen Frau kippte um, ein herumrollender Lippenstift gefährdete kurz die Balance mehrerer Kleindealer, dann folgte ein Lächeln. Die junge Frau steckte ihren Stift...

...wieder ein. Es war, als ob es kein Morgen gäbe in dieser Spelunke.
Während des Tanzes dachte ich über meine Arbeit nach. Sie ließ nach, die Bezahlung ließ ohnehin zu wünschen übrig, sie wurde limitiert, wieder einmal hatte ich es auf ein sinkendes Schiff geschafft, dachte ich. Die Zeitung war dem Untergang geweiht. Vielleicht war ich auch darum hier genau an der richtigen Stelle, in dieser Variation einer Unterwelt, wobei sich die Frage stellte, inwiefern Unterwelt heutzutage überhaupt noch funktionierte und wieso. Die Abwesenheit von Sicherheit und Kontrolle, das war es bestimmt nicht, eher die Abwesenheit von Stil und Geschmack, aber da sprachen nur...

...meine Vorlieben aus mir. Schon Jason sah das alles ganz anders. Die Abwesenheit von Sinn und Geschäftlichkeit, auch über diesen Gedanken konnte man hinsichtlich der Unsummen, die hier für Pulver und Gifte durch die Hände gingen, nur lind schmunzeln. Die Pulver und Gifte sprachen für das Wesen einer Unterwelt, aber diese Unterwelt zog sich längst durch alle Schichten der Republik, bis hinauf in die Managements. Die familiären Strukturen wurden auch hier allmählich aufgelöst, man sprach zwar noch von Familie, aber sie war längst durchsetzt von Unverwandten, von vielzüngigen Söldnern und Söldnerinnen. Vielleicht war es die Form, die Struktur, die Hierarchie der Arbeit, die Männer übernahmen...

die blutige Drecksarbeit, die Frauen die, die mit Sperma und Überzeugung zu tun hatte, obwohl sich auch das zu ändern begann, wie man an Edith oder dem Vamp sehen konnte. Es gab Killerinnen, weibliche Tötungsmaschinen, es gab Zwei- bis Dreigeschlechtliches, es gab Call Boys für Männer wie Frauen, es gab alles. Es gab den Schmuddelfaktor, die Illusion und die Sauberkeit. Es gab die Stiche, die Fotos, die halbseidenen Reporter. Es gab mich, es gab Jason, es gab Lilas und Venexiana, es gab das Vampirmädchen. Es gab den Hang zur Selbstzerstörung, der uns allen zu Eigen war.
Komplexe, kalte Ermittlungen. Anschließend tanzbare Musik. Jemand fegte die Tanzfläche aus. Der Lude vor dem...

Lilas fiel in Posen, sie gefiel sich, kein Wunder. Im nächsten Moment schon sah es aus, als ob sie Angst hätte.
Keine Fotos von der Seite, keine von unten, aber bitte viele von vorn. Ich startete einen Anbandelungsversuch. Bei dem Vampirmädchen. Süße Sätze kamen aus meinem Mund, während ich leise mit ihrem Halsband spielte.
Sie lächelte mich an. Für einen Moment stellte sie ihre Beine auseinander.
Das geht nicht, sagte sie dann, als sie Lilas und den Luden im Rücken spürte.
Ein Kuss könnte uns umbringen, meinte sie.
- Wir haben uns schon einmal geküsst, sagte ich.

- Das kann nicht bewiesen werden, antwortete sie. Es gibt keine Fotos.
- Was bekommt ihr denn? schaltete die Bedienung sich ein.
- Angst, sagten wir.
Die Situation jedenfalls war heikel genug. Jemand mit einer Karomütze holte zum Schlag aus. Weit geöffnete Münder ringsum. Lilas lag auf dem Tisch und strahlte. Ich habe ihre Zunge gesehen. Das Blut, ich hatte es kommen sehen, triefte vom Tisch herunter. Verteilte sich auf den Dielen. Lief in die Ritzen. Ich zählte die Sekunden, bis von draußen Sirenen zu hören waren. Jason nickte mir kurz zu und verschwand in den Hinterzimmern, vermutlich zum Fenster raus.

Die meisten anderen schoben ebenfalls ab, schnell und unbemerkt. Der Raum hatte sich geleert, jetzt füllte er sich wieder, genauso schnell, mit Frauen und Männern in Uniform und einer kalten Ernsthaftigkeit.
Das Vampire Girl gab sich anhänglich, anschmiegsam. Vielleicht spürte sie eine Leere. Vielleicht war das aber auch nur eine Floskel, die sich anbot. Vor uns gestikulierten Beamte, das Mädchen schwieg. Später verschwand sie mit den anderen in einer Wanne, einem Kastenwagen der Polizei...

Die Szene wurde aufgelöst.
Mich ließen sie da, sie kannten mich.
Ich fühlte mich unbehaglich und dunkel, ein Grimmen meldete sich aus meinem Bauch, der vor kurzem noch die Hand eines Vampirs spüren durfte.
Nun, lass mich erzählen von der Art, wie sie aussah.
Die Art ihres Verhaltens und die Farbe ihrer Haare.
Ihre Stimme klang weich und kühl, ihre Augen waren klar und breit. Aber sie ist nicht da.
Im Halbdunkel der Bar rückten die Bedienungen die Tische und die Stühle, die Aschenbecher und die Weinkaraffen zurecht; es war halb sechs Uhr morgens. Die Musik verstummte. Die Polizei war wieder abgezogen. Ich zog mir den Mantel an und trat in das frühe Licht der Straße. Allein. Ich hatte noch ein Stück Weg zu meiner Wohnung vor mir. Auf mich wartete ein Textverarbeitungsprogramm und irgendwann in den frühen Mittagsstunden ein kaltes Bett.
Ich gähnte und ging.

Berlin, 22. Juni 2008

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